Natürlich jüdisch

Feiertage und Bräuche

Der jüdische Kalender ist reich an Feiertagen. Durchschnittlich gibt es einmal im Monat einen wichtigen Anlass zum Feiern. Hinzu kommen die Schabatot: Mindestens einmal pro Woche, von Freitag auf Samstag, feiert eine religiöse jüdische Familie einen Feiertag. Im Mittelpunkt steht das gemeinsame Abendessen. Für streng orthodoxe Juden ist es ein großer Aufwand, die Regeln des Schabbat zu halten. Zugleich setzen sie einen guten Rahmen für die Feier im Familienkreis: Für fast alle Feiertage gibt es spezielle Bräuche, Gebete und traditionelles Essen, denn jeder Feiertag hat seine eigene spirituelle Bedeutung.

Hier findest du Hinweise, wie du deine Feiertage umweltbewusster gestalten kannst oder welche ökologischen Ideen in der Tradition dieser Feiertage enthalten sind. Manche Tage wie Tu BiSchwat können direkt mit ökologischen Inhalten verknüpft werden, mit Pessach oder Purim wird es schon komplizierter. Wir geben dir Werkzeuge und Interpretationen an die Hand, die du in deinem Alltag anwenden kannst. Wir erstellen einen inspirierenden Leitfaden für alle jüdischen Feiertage. Eine Übersicht darüber, wie du umweltbewusst feiern kannst und welche spirituellen Ressourcen sich für den jeweiligen Feiertag eignen, findest auf unserer Seite. Die redaktionelle Betreuung über die religiösen Inhalte der Seite verdanken wir Rabbiner Avichai Apel.

Jeden Freitag nach Sonnenuntergang fängt der Schabbat an, manche verwenden dafür die jiddische Bezeichnung „Schabbes“. Der Schabbat ist ein Tag der Ruhe, ein Tag, an dem das Arbeiten verboten ist.

Arbeit (Melacha) wird im jüdischen Recht, das Tausende von Jahren alt ist, ein wenig anders verstanden als heute: Gemeint sind 39 Tätigkeiten, z.B. Feldarbeiten, die Herstellung von Leder und Stoffvorhängen, Zeltaufbauten. A Daraus werden die verbotenen Arbeiten abgeleitet. Oft werden skurrile Beispiele genannt, die den Tag anders und speziell machen. Man darf nicht Blumengießen (für manche ist es eine Freizeitbeschäftigung) oder man darf nichts zerreißen, weshalb auch Haareschneiden nicht erlaubt ist. Manche gehen noch weiter und kämmen ihre Haare nicht, um sie nicht auszureißen. Schuhe darf man binden, aber schon die Knoten beim Segel dürfen am diesen Tag nicht gebunden werden. Vor dem Schabbat kann man alle Geräte entweder an- oder ausmachen, denn an einem fröhlichen Tag sollte niemand im Dunkeln sitzen. Ein warmes Essen soll es geben, aber auf Autofahren und Reisen soll verzichtet werden. Traditionelle Juden gehen in die Synagoge und verbringen den ganzen Tag mit der Familie und mit Freunden.

Was macht den Schabbat aber so interessant für uns? Offensichtlich sind es vor allem die Vorschriften, die das Reisen und Elektrizität betreffen. Es ist offensichtlich, dass die Luftverschmutzung in Israel am Yom Kippur, wenn die gleichen Vorschriften wie am Schabbat gelten, spürbar zurückgeht.1 Stell‘ Dir vor, niemand würde an dem einen Tag der Woche reisen, einkaufen, Elektrizität benutzen. Die Erde könnte sich dann richtig von uns Menschen erholen. Manche Aktivisten schlagen deshalb allen einen grünen Schabbat vor.

Spirituell gesehen ist der Schabbat der Tag, an dem sich der Zustand nicht ändert, was sehr nach New Age klingt, stellt aber die traditionelle jüdische Sichtweise dar. Wenn einen Tag lang nichts produziert wird, lässt man einen Tag lang die Erde so sein, wie sie ohne unsere Aktivität wäre. Sogar Gott musste am siebten Tag Urlaub von seiner schöpferischen Aktivität nehmen. Man soll an diesem Tag auf die typische menschliche Aktivität verzichten. Man soll das Auto zu Hause lassen, um die echten Entfernungen zu spüren. Kein Licht einzuschalten bedeutet, mit dem echten Tages-Nacht- Rhythmus der Natur zu leben und damit ein wenig zur Natur zurückzukehren. Heute leben und arbeiten wir, ohne Rücksicht auf die Jahreszeiten und den Sonnenuntergang zu nehmen.

Wenn man dem Schabbat zusätzlich eine umweltfreundliche Bedeutung verleiht, könnte dieser Tag sehr an Attraktivität gewinnen. Mit einem grünen Schabbat senden wir eine Botschaft - nicht nur an die jüdische Welt, sondern an die ganze Menschheit.

Quellen: Jeremy Bernstein The Way Into Judaism and Envirnoment, 2006

Im Judentum gibt es mehrere Neujahrsfeste: Jeder kennt Rosch Haschana, wenn am 1. Tischrei das jüdische Kalenderjähr anfängt. Der Überlieferung nach wurde damals der Mensch erschaffen. Der 15. Schwat (bei uns in der Regel Ende Februar) ist wiederum eine Zeit, in der in Israel der Frühling beginnt. Frühlingsanfang ist symbolisch mit Beginn der Mandelblüte. In einer alten Tradition, aus den Zeiten des Tempels, war der 15. Tischrei ein Tag, an dem man symbolisch das Alter der Bäume festlegte, um eine wichtige Steuer für die Früchte abzurechnen. Das war der Beginn des Steuerjahres. Es gibt (bis heute) eine religiöse Regel, nach der die Früchte der neuen Bäume in Israel in den ersten drei Jahren nicht gegessen werden dürfen. Sie heißen Orlá. Erst ab dem vierten Jahr darf man sie essen. Die Regeln sind ein wenig kompliziert – auf jeden Fall markiert Tu BiSchwat das Ende des dritten Jahres für alle Bäume, die älter als zweieinhalb Jahre sind.

Erst später entwickelte sich daraus ein Feiertag, der vor allem von Kabbalisten in seiner heutigen Form gefeiert wurde. Sie entwickelten ein Ritual, das wir heute als Tu BiSchwat Seder kennen. Auch heute feiern wir den Geburtstag der Bäume. Jews Go Green nutzt diese Gelegenheit, um über Ökologie zu sprechen: Wir wissen alle, dass die Bäume die Lunge der Erde sind. Sie verwandeln das klimaschädliche Kohlendioxid in Sauerstoff. Die CO2-Ausstöße sind wiederum die Ursache des Treibhauseffektes, wir sind also von den Bäumen und Pflanzen abhängig. Daran sollen wir uns am Tu BiSchwat erinnern.

An diesem Tag gelten keine strengen Vorschriften, als Jude „muss“ man also nichts Besonderes machen (wie am Schabbat). Es gibt Traditionen, aber keinen Zwang, bestimmte Regeln einzuhalten. Wir haben für dich folgende Vorschläge:

  • Mache einen Seder – ein Abendessen und dazu gibt es eine Hagada. Es ist eine Tradition, an dem Tag vegetarisch zu essen: Man isst vor allem sieben Früchte, die in Israel wachsen: Oliven, Datteln, Trauben, Feigen und Granatäpfel sowie Gerste und Weizen
  • Tu BiSchwat ist der Feiertag aller jüdischen Umweltaktivisten: An diesem Tag werden Bäume gepflanzt – Tue es auch! Eine Eiche wird irgendwann größer sein als dein Haus – dank Dir!

Lies einen Artikel über Tu BiSchwat von Rabbi Avichai Apel.

Purim ist vielleicht kein Feiertag, an dem sich ökologische Motive aufdrängen wie bei Tu BiSchwat. Es ist definitiv ein Partytag. Man feiert die uralte Geschichte der schönen jüdischen Königin Esther, welche die Juden in Babylonien vor dem Schlächter Haman, dem Berater ihres eigenen Mannes, des persischen Königs Achaschwerosch, rettete. Damals passierte ein Wunder, und die Juden in Babylonien wurden nicht ausgelöscht. Das Böse wurde bestraft, und die Gerechtigkeit triumphierte. Purim ist also eine tolle Gelegenheit, zu feiern und eine Party zu machen.

Außer Spaß verursachen Purim-Partys oft Kopfschmerzen und Müllberge. Deine Feier muss jedoch keine Müllfabrik sein. Es ist vermeidbar, dass du hinterher riesengroße Säcke mit Plastikbechern, Plastikgeschirr und Papptellern wegschmeißen musst. Wir haben für dich ein paar Vorschläge, wie du es anders machen kannst.

Wir wissen, es ist toll, Sachen einfach zu entsorgen, anstatt Geschirr zu spülen, aber aus Erfahrung wissen wir: Nach der Party ist man eher nicht in der Stimmung, Müll zu sortieren. Nach dem Feier wandern auch alle Plastik- und Papiersachen in einen Sack und werden damit im unrecycelbaren Restmüll begraben. Daher ist es sinnvoller, Geschirr aus Porzellan zu verwenden. Zwar muss man für Einweggeschirr nicht viel zahlen. Ein wenig Mühe kann jedoch ein paar Bäume retten und verhindern, dass die Müllberge wachsen. Diese Berge brauchen wir nicht! Wenn du Mehrwegplastikbecher benutzt, belastest du die Umwelt etwa zehn Mal weniger, als wenn du Einwegbecher aus Plastik verwendest.

Auch Mischloach Manot kann aus dem Recycling-Material gebastelt werden, und gesunde Speisen beinhalten.

Hier findest du unseren Purim-Party Guide. Also lasst uns feiern, aber nicht verschwenderisch, nach dem Motto: nach uns die Sintflut!

Pessach ist die Feier der Freiheit. Wir erinnern daran, wie die Juden aus ägyptischer Fremdherrschaft befreit wurden. Hier ein Pessach-Crash-Kurs: Es ist eine Zeit, in der man eigentlich acht Tage lang keine gesäuerten Speisen zu sich nimmt. Das gesäuerte Essen nennt man Chamez. Um nicht zu sehr in die Details einzugehen: Meistens handelt es sich dabei um Brot. Um sehr konsequent und koscher Pessach zu feiern, muss man die Wohnung von allen möglichen Brotkrümeln befreien. Das ist ein ziemlicher Aufwand und ein Mythos – eine Legende von denen, die es schon mal gemacht haben (oder dabei zugeschaut haben). Wir wollen hier keine Einführung zum Pessach liefern, hervorragende Quellen zu Pessach findest du hier, hier, und hier.

Ganz wichtig ist die Tatsache, dass die drei Wallfahrtsfeste mit bestimmten Jahreszeiten zusammenhängen, die eine besondere Bedeutung für die Landwirtschaft haben (Schmot 23,14) „Dreimal sollt ihr mir Feste halten im Jahr: das Fest der ungesäuerten Brote sollst du halten, daß du sieben Tage ungesäuertes Brot essest, wie ich dir geboten habe, um die Zeit des Monats Abib in Frühling; denn in demselben bist du aus Ägypten gezogen. Erscheint aber nicht leer vor mir. Und das Fest der Ernte, der Erstlinge deiner Früchte, die du auf dem Felde gesät hast. Und das Fest der Einsammlung im Ausgang des Jahres, wenn du deine Arbeit eingesammelt hast vom Felde.“

Was wir dir zeigen wollen, ist ein anderes Pessach, das koscher und zugleich saisonal ist. Warum saisonal? Weil es wichtig ist, dass wir wieder die Jahreszeiten spüren und dadurch auch die Bauern unterstützen. Daher wollen wir keine Lebensmittel kaufen, die zwar gesund aussehen, aber vom anderen Ende der Welt kommen (wir machen aber eine kleine Ausnahme für Israel).

Anstatt einen Leitfaden für die Reinigung der Wohnung bis in den letzten Winkel zu liefern, , haben wir deshalb einen kleinen Ratgeber zusammengestellt, der uns lehrt, wie man umweltbewusst reinigen kann. Wir verwenden nämlich sehr viele Chemikalien, ohne dass uns bewusst ist, wie schädlich die Reinigungsstoffe für unsere Gesundheit werden können. Außerdem werden während einer großen Putzaktion viele alte Sachen weggeworfen, die sich als schädlich für die Umwelt erweisen. Hier findest du Ratschläge, was man beim Frühjahrsputz berücksichtigen sollte. Veranstalte dein Pessach koscher und umweltfreundlich!

Materialien

Hier findest du unsere Tipps für Pessach
Vier Fragen nach Pessach 
Hewruta für Pessach 

Nachdem die Juden – damals noch die Israeliten – aus Ägypten ausgezogen waren, folgte der wichtigste Moment in der Geschichte des Judentums: Die Übergabe der Tafeln mit den zehn Geboten. Heutzutage erinnert Schawuot, der auch als Tag der Übergabe der Tora gefeiert wird, daran. An diesem Tag ist es üblich die Tora, das Buch der Bücher, den ganzen Tag und die ganze Nacht zu lesen. Es gibt zwei ökologische Motive die wir mit diesem Tag verbinden wollen:

Erstens symbolisiert der Auszug aus Ägypten das Ende der Sklaverei und somit Freiheit. Die Geschichte der zehn Gebote lehrt, dass die Freiheit keine absolute, grenzenlose Freiheit sein kann. Wir sehen hier eine für die Tora typische Zweideutigkeit. Man erhält die Erlaubnis für eine Sache, aber nur mit Einschränkungen. Schon in Genesis steht geschrieben, dass die Menschen über die Erde herrschen sollen. Bald darauf wird jedoch dem neugeschaffenen Menschen gesagt, dass seine Macht gar nicht absolut sei und es gebe doch Regeln. Z.B. solle er keine Früchte von einem ganz bestimmten Baum im Garten Eden essen. Ein weiteres Beispiel ist koscheres Essen. Denn Juden dürfen Fleisch essen, aber nicht von jedem Tier. Auf den gleichen Gedanken deutet Schawuot: Die Befreiung aus der Sklaverei und die daraus gewonnene Freiheit hat ebenfalls Grenzen: Die Israeliten wollten G’tt anbeten und schufen hierfür das goldene Kalb. Die Intention war wahrscheinlich gut, aber es war leider alles andere als erwünscht. Bis heute repräsentiert das goldene Kalb in der jüdischen Tradition alles Ungewollte - Bis heute repräsentiert das goldene Kalb in der jüdischen Tradition alles Ungewollte - Assimilation oder die Aneignung verschiedener religiösen Praktiken, die vorerst in der jüdischen Kultur fremd waren.
Für uns heute kann das Kalb direkt als „Kult der Dinge“ – Götzendienst – verstanden werden.

Auch heute gibt es einen „Kult der Dinge“: Übermäßiger Konsum. Die Kultur der Dinge arbeitet nach dem Motto: „Ich bin was ich habe“. Das aber wirkt sich nicht nur schlecht auf die Umwelt oder die Leute, die in sklavenähnlichen Verhältnissen arbeiten müssen, aus, sondern beeinflusst uns alle. Sklaverei ist ein spiritueller Gedanke, der uns während des Pessachs beschäftigt. Der Konsum, tut uns nicht gut: Durch die Werbung werden uns Produkte als notwendig angepriesen. Anstatt unsere Zeit mit angenehmen Dingen zu verbringen, arbeiten wir uns tot oder nehmen einen Kredit auf, um die neuesten, tollsten und besten Dinge sofort kaufen zu können. Wir leben in einer Zivilisation, die Dinge verehrt. Dieses Denken ist genau der Grund, warum Mose die Tafeln mit zehn Geboten am Fuße des Berg Sinai zerschmetterte, nachdem er sah, was die Israeliten taten. Denn sie beteten einen Gegenstand an. Heute sind wir nicht sehr weit von diesem Zustand entfernt. Deswegen schreibe zu Schawuot deine Prioritätenliste mit Gegenständen die du wirklich brauchst und solchen, die nicht ganz so wichtig sind. Lasse dich und deine Zeit nicht von Shoppingmolls und Werbung bestimmen!

Die zweite ökologische Bedeutung Schawuots kann man mit einer uralten jüdischen Tradition verbinden: Der jüdische Kalender ist ursprünglich mit dem mindestens zweitausend Jahre alten Agrarkalender verbunden. Pessach, Omer- Zählen und Schawuot sind mit dem Zeitpunkt der Ernte verbunden: Es erinnert an das Bündnis zwischen dem Land Israel, und an den Rhythmus der Natur. Interessant mag die Tatsache sein, dass man am diesen Tag kein Fleisch essen soll, um an Israel, das Land von Milch und Honig und nicht an das Land von Honig und Fleisch, zu erinnern. Nicht zu vergessen, dass die Fleischproduktion heute die zweit größte Ursache für den CO² Ausstoß ist.

Tischa BeAv ist ein Feiertag, der durch eine spezielle Interpretation von Rabbi Waskow eine neue Bedeutung gewonnen hat. Tischa Be Av, was „neunter Av“ bedeutet, ist ein Trauertag. An diesem Tag wurde der Tempel in Jerusalem zerstört. Dieser Tag erinnert an das Leben in der Diaspora und an die Verfolgungen. Traditionell wird an Tischa BeAv gefastet. Im Taanit, einem Talmudtraktat, werden die Gründe für die Trauer aufgezählt: Neben der Zerstörung des Tempels wird an das goldene Kalb erinnert. Während des Barkochba-Aufstands hielten 8.000 Männer, Frauen und Kinder in der Festung Betar den Römern stand, wurden aber schließlich vernichtet. Es war eine physische und geistige Vernichtung, weil Betar ein spirituelles Zentrum war. Nach dem Aufstand hörte Israel auf zu existieren, Jerusalem wurde zerstört. An diesem Tag erlebten die Juden ihre tiefste Niederlage.

Rabbi Waskow vom Shalom-Center in den USA identifiziert den Tempel mit unserer Erde. Wir fordern unseren Planeten heraus. Irgendwann werden wir es schaffen, die Erde komplett zu ruinieren. Der WWF-Bericht über den Zustand der Erde von 2012 sagt, dass wir anderthalb Planeten bräuchten, um unseren Lebensstil fortzusetzen. Wir haben jedoch nur eine Erde. Selbst wenn prachtvoll und unzerstörbar zu sein scheint: Tatsächlich schöpfen wir die Ressourcen in einem so schnellen Tempo aus, dass sich die Erde nicht regenerieren kann. Dies bedeutet, dass wir Raubbau an unserem Planeten betreiben. Der Tempel, der die Struktur der Welt wiederspiegeln sollte, wurde vernichtet. Heute zerstören wir mit der Erde unsere Lebensgrundlagen. Wenn wir es nicht schaffen, uns dagegen zu wehren, werden wir niemals fähig sein, die Erde wieder herzustellen.

Rosch ha-Schana ist der Name für das jüdische Neujahr, das immer am ersten Tischrei – zwischen Ende September und Anfang Oktober – gefeiert wird. Es symbolisiert den Tag, an dem der Mensch erschaffen wurde, und damit verweist es uns auf den Anfang des Buches Genesis. Man kann Rosch ha-Schana als Feiertag des Lebenszyklus interpretieren.

Rosh ha-Schana ist der Beginn der Teschuwa, einer Phase der Versöhnung und Verbesserung unserer Taten, in welcher die Menschen für das kommende Jahr entweder in das Buch des Lebens oder in das Buch des Todes eingetragen werden. Diese Zeit soll der Reflexion dienen und zur persönlichen Besserung beitragen. Rabbi Nachman aus Breslau lehrt: “Wenn du daran glaubst, dass es möglich ist Schaden anzurichten, glaube daran, dass du Schaden wieder gutmachen kannst.“

Wenn wir schon über Genesis sprechen, wollen wir dich auf den Schöpfungsmythos aufmerksam machen. Die Geschichte der Schöpfung wird zweimal erzählt (es sind das erste und das zweite Kapitel von Bereschit), was seit Generationen alle überrascht. In der ersten Geschichte schafft G-tt zuerst das Licht, als zweites den Himmel und als drittes eine eine Trennung zwischen Wasser über und unter der Erde. Im vierten Schritt trennt er Land von Wasser, schafft Pflanzen, dann als fünftes. Meerestiere und Vögel, als sechstes Landtiere, und danach am gleichen erschafft G’tt den Menschen. Der Mensch erscheint hier als Krone der Schöpfung, hat noch kein Geschlecht. In der zweiten Version in Bereschit 2, wird die Schöpfungsgeschichte ein wenig anders dargestellt. Es ist eine Geschichte, wonach der Mensch aus der Erde erschaffen wird – um wieder zu Erde zu werden: Erde heißt auf Hebräisch Adama, der erste Mensch Adam ist demnach ein Erdling. Der Mensch ist alleine, hat keine Gesellschaft außer derjenigen der Tiere und Pflanzen. G-tt kommt auf die Idee, dass der Mensch eine Gefährtin braucht, und schafft Eva aus Adams Rippe. Diese Geschichte zeigt, wie sehr der Mensch mit der Erde verbunden ist. Immer, wenn wir uns davon entfernen, werden wir (wie in der Geschichte vom Turmbau zu Babel) dafür bestraft. Wir sind aus Erde geschaffen und wir werden wieder zu Erde.

Wir haben deswegen eine spezielle Aufgabe während unseres Lebens zu erfüllen: die Schöpfung zu bewahren. Seit einigen Jahrzehnten ist diese Aufgabe noch wichtiger geworden. Seit den 80er Jahren entwickeln wir uns schneller, als es unser Planet verkraften kann. Heutzutage warnen uns Aktivisten und Wissenschaftler davor, dass es so nicht weiter gehen kann. Das Judentum antwortet mit Midrasch Rabba: „Als Gott den ersten Menschen schuf, führte er ihn zu allen Bäumen im Garten Eden und sagte zu ihm: ‚Schau Dir mein Werk an, wie wunderschön und hervorragend es ist … Achte darauf, meine Welt nicht zu ruinieren und zu zerstören, denn, solltest du sie ruinieren, wäre niemand nach dir, um sie zu reparieren.“ (Midrasch Bereschit Rabba 7:13)

Für Juden beginnt am 9. Tischri der wichtigste jüdische Feiertag des Jahres: Jom Kippur – der Versöhnungstag. Dieser Tag bedeutet vor allem strenges Fasten bei der gleichzeitigen Beachtung aller Sabbat-Vorschriften. Man kann an diesem Tag auch an die Natur denken. Das kann in den härtesten Momenten des Fastens helfen. Jom Kippur ist unser „No Impact Day“! An Jom Kippur ist unser Ressourcenverbrauch gering, weil wir 25 Stunden lang…

  1. … nicht fahren dürfen.
  2. … nur wenig Wasser verwenden, da wir nichts trinken dürfen und uns nicht waschen.
  3. … gar kein Essen verbrauchen – wie es an Fastentagen eben üblich ist.
  4. … keine Energie verwenden, wenn wir das Licht rechtzeitig (bis ca. 18:00 am diesen Tag) ausschalten.

Jom Kippur ist unser „Off- Schalter-Tag“. Hast Du noch andere Beispiele dafür, wie wir den Ressourcenverbrauch an Jom Kippur gering halten? Gib uns weitere Gründe für den No-Impact-Jom-Kippur!

Sukkot lässt uns an unsere Häuser denken. Wir haben in der Regel ein Dach über dem Kopf und fühlen uns in unseren eigenen vier Wänden wohl Unsere Hauser scheinen so stabil zu sein. Es kommt uns so vor, als wären sie für immer da. Der Tag, der von Manchen „Feier der Zelte“ genannt wird, erinnert daran, dass die Juden während ihrer Wanderung durch den Sinai in bescheidenen Zelten wohnten, nachdem sie die ägyptische Fremdherrschaft hinter sich gelassen hatten. Wenn wir nach sozialen und ökologischen Inhalten suchen, fällt auf, dass den Juden während dieser Feier geboten wird, das eigene Haus zu verlassen und in eine Laubhütte einzuziehen. Das kann uns darauf aufmerksam machen, dass nicht alle ein schönes Haus haben - vielen Menschen geht es schlechter als uns in der Laubhütte, Manche müssen das ganze Jahr über ohne vernünftige Behausung auskommen. Denke mal an Flüchtlinge und insbesondere an Klimaflüchtlinge, die ihre Hauser infolge von Klimaveränderungen verlieren. Denke mal darüber nach, was passieren würde, wenn der Meeresspiegel um sechs Meter höher wäre - was die Experten vorhersagen. Dann würde es weder Hamburg noch Berlin geben. Vielleicht müssten wir dann wieder in Zelten leben, um das Ganze durchzuhalten.

Wir glauben, dass diese Tradition uns darauf hinweist, dass wir nicht in unseren schönen Häusern und warmen Wohnungen vor der Realität die Augen verschließen dürfen,, sondern dem Nächsten liebevoll und verständnisvoll entgegentreten sollen. Das lehrt uns die Tradition der Gastfreundschaft, Ushpizin. Man soll während des Laubhüttenfestes möglichst viele Gäste, egal woher, aufnehmen. Es kann manchmal katastrophal ausgehen wie in Ushpizin, einem israelischen Film darüber. Manchmal müssen wir jedoch unseren Komfort verlassen und uns mit Leuten auseinandersetzen, die wir am liebsten gar nicht wahrnehmen würden.

Sukkot ist auch ein Feiertag des Wassers. Während der sieben Tage von Sukkot wird die Welt für das Wasser gerichtet. Um diese Bedeutung des Sukkots zu entdecken, werden wir für dich in Kürze Materialien online stellen.

Schemini Atzeret und Simachat Tora

Schemini Azeret und Simchat Tora folgen unmittelbar auf den sieben Tage dauernden Sukkot am 22 (Schemini Atzeret) und am 23. (Simchat Tora) Tischri. Sie sind aber unabhängige Feiertage, die an sich nichts mit Sukkot zu tun haben. An Simchat Tora feiern wir das Ende und den Anfang des Tora-Zyklus. Damit sind wir wieder bei Genesis, was wir bei Rosch ha-Schana schon behandelt haben.

An Schemini Azeret finden wir eine weniger ins Auge stechende, aber nicht weniger wichtige Verbindung zwischen Umweltfragen und Judentum. Die Mischna lehrt uns, dass Sukkot die Zeit ist, in der die Welt für das Wasser gerichtet wird. Heutzutage kann man dazu unseren Umgang mit Wasser hervorheben. An Schemini Atzeret, das nach Ende des Sukkots stattfindet, werden die Gebete in der Synagoge um ein Gebet um Wasser ergänzt. Damit rückt die Winterzeit näher und damit der Anfang des Vegetationszyklus im Nahen Osten. Obwohl der Simchat Torah Sukkoth und Schemini Azenret nur durch Zufall auf nacheinander folgende Tage fallen, ist es nicht merkwürdig, dass der Tora-Zyklus mit dem Anfang des Vegetationszyklus zusammenfällt. Das Gebet “Geshem” (auf Hebräisch „Regen“) erinnert uns an unsere Verbindung mit dem Wasser, es ist sogar vom Brit Maim (Bund des Wassers) die Rede. Die Juden glauben, dass der Regen direkt von G’tt geschickt wird. Hier findest du bald unsere Quellen und Texte über den Bund des Wassers.

Chanukka erinnert an die Wiedereinweihung des zweiten jüdischen Tempels in Jerusalem im jüdischen Jahr 3597 (164 v. Chr.) nach dem erfolgreichen Makkabäeraufstand der Juden Judäas gegen hellenisierte Juden und makedonische Syrer, wie er im Ersten Buch der Makkabäer und auch im Talmud überliefert ist. Die Makkabäer beendeten die Herrschaft des Seleukidenreiches über Judäa, beseitigten den im jüdischen Tempel von Griechen errichteten Zeus-Altar, und führten den jüdischen Tempeldienst wieder ein.

Die Menora war ein Leuchter im Tempel, der niemals erlöschen sollte. Nach der Überlieferung war aufgrund der Eroberung der Syrer nur noch ein Krug geweihtes Öl vorzufinden. Dieses Öl reichte für gerade mal einen Tag. Für die Herstellung neuen geweihten Öls werden aber acht Tage benötigt. Durch ein Wunder habe das Licht jedoch acht Tage gebrannt, bis neues geweihtes Öl hergestellt worden war. Daran erinnern die acht Lichter des Chanukka-Leuchters. Jeden Tag wird ein Licht mehr angezündet, bis am Ende alle acht brennen.

Tatsächlich hat der Leuchter oft neun Arme oder Lichterhalter, das neunte Licht ist der Diener (hebr. Schamasch). Nur mit diesem dürfen die anderen angezündet werden, nachdem die notwendigen Segen (hebr. Brachot) gesprochen wurden. Als Lichter werden Kerzen oder Öllämpchen benutzt. Oft wird Olivenöl verwendet, wie bei der Menora im ehemaligen Tempel.

Werte

Unter der Rubrik „Werte“ haben wir verschiede Verbote, Gebote und Texte aufgelistet, die ein Bild des umweltbewussten Judentums vermitteln. Unsere „Werte“ sind jene Elemente des jüdischen Leben, die eine Umweltethik formulieren. Diese Elemente werden hier eher intuitiv betrachtet. So hat das Gemeindeleben im Judentum einen sehr wichtigen Stellenwert, daher landet es bei uns auf der Liste der jüdischen Werte.

Wir haben diese Liste erstellt, damit du schnell eine Antwort auf die Frage finden kannst, warum das Judentum die Verantwortung für die Erde seit Tausenden Jahren mit sich trägt. Heutzutage sprechen alle darüber, wie wichtig es ist, sich um die Umwelt zu kümmern. Das ist selbstverständlich, denn niemand will auf einer Mühlhalde leben. Eine Herausforderung besteht darin, dass wir uns wirklich damit aktiv auseinandersetzen und nicht allein den Politikern und Konzernen unsere Umwelt und damit unsere Zukunft anvertrauen. Es ist verhängnisvoll, wenn wir glauben, irgendjemand werde sich schon um uns kümmern. Wenn wir es nicht schaffen, verantwortungsvoll zu leben und einen zivilgesellschaftlichen Beitrag zu leisten, wird uns niemand helfen. Diese Ermahnung klingt etwas oberlehrerhaft. Ihr gerecht zu werden, ist eine schwierige Sache. Wir wollen dafür sorgen, dass diese Aufgabe sogar noch Spaß macht. Im Grunde geht es um eine Änderung des Lebensstils, um einen Umstieg auf ein umweltbewusstes Leben, das zu einem wichtigen Teil des jüdischen Gemeindelebens werden kann. Stell‘ dir vor, wie die Gemeinden aussehen könnten, in denen Umweltschutz von zentraler Bedeutung ist. Der Traum könnte vielleicht eines Tages dank deines Engagements Wirklichkeit werden. Die Religion motiviert uns zu einem spirituellen Handeln. Und diese tiefe Motivation hilft vielen, bessere Menschen zu werden. Auch in Umweltfragen kannst du das Beste aus dem Judentum herausholen. Wir alle brauchen Inspiration und Wegweiser. Hier findest du grüne jüdische Wegweiser, die dir die Richtung anzeigen.

Tikkun bedeutet „Reparatur“ oder „Verbesserung“, Olam bedeutet auf Hebräisch „die Welt“. Demnach heißt Tikkun Olam, die Welt zu verbessern und ist inzwischen ein Motto aller jüdischen Weltverbesserer geworden.

Jüdische Ökoaktivisten berufen sich gerne auf Tikkun Olam, das oft als ihr erster Motivationsgrund gilt und zur Weltreparatur aufruft. Sehr fromme Juden verstehen den Kern der Weltverbesserung vor allem in der Einhaltung aller 613 Gebote und Verbote – die Welt wird nicht direkt und unmittelbar verbessert, sondern indirekt und langfristig durch Gebete und ein frommes Leben. Diejenigen aber, die den Begriff wörtlich verstehen, wollen Tikkun Olam als eine direkte Reparatur der Welt interpretieren und implementieren. Ein nachhaltiger Lebensstil bedeutet im Grunde nichts anderes, als die negativen Folgen unserer wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung zu reparieren bzw. vorab schon zu vermeiden, wo möglich. Es gibt auch viele Projekte die den Namen Tikkun Olam führen, darunter sammeln sich allerlei Vorhaben die durch gesunden Lebensstil und eine ökologische Interpretation des Judentums ihren Beitrag für eine bessere und saubere Welt leisten wollen.

Woher aber stammt der Begriff?

Die Quellensuche führt uns zunächst zur Mischna. Tikkun Olam kommt im Traktat Gittin vor (Gittin 4:2, 4:6 und 4:9). Ursprünglich heißt der Satz mip'nei tikkun ha-olam „Um die Welt zu verbessern“. Er hat hier eine auf die gesellschaftliche Ordnung begrenzte Bedeutung. Daher das Tikkun Olam doch aus der Mischna stammt und nicht aus der Bibel dient es als Hilfsmittel, um die soziale Ordnung zu bewahren.

Zudem taucht Tikkun Olam im Gebet Aleinu auf l'takken olam b'malkhut Shaddai, "die Wiederherstellung der Welt durch das Königreich Gottes“

Eine dritte Quelle, in der der Tikkun Olam vorkommt, sind die Midraschim von Rabbi Akiva. Midrasch Tanhuma handelt davon, dass die ganze Schöpfung und vor allem der Mensch einer Verbesserung bedürfe. Der Mensch solle nicht mit sich zufrieden sein und sei stets reparaturbedürftig.

Einerseits ist er zwar die Krone der Schöpfung, andererseits ist aber allein G-tt der Besitzer der Welt und der Mensch nur Schützer seiner Schöpfung. Dem Mensch fällt von G-tt die Rolle zu, die Welt und nicht nur die eigene Lebenssituation zu verbessern. Heutzutage sind es gerade unsere Bedürfnisse die das Ungleichgewicht in der Natur auslösen, das sich nicht mehr ignorieren lässt. Damit sind wir auch die Verantwortungsträger – Tikkun Olam, das 2000 Jahre alte Prinzip kann uns besonders viel lehren.

Bal Taschchit gehört zur Halacha und bezeichnet das Verbot des unnötigen Verschwendens. Bal Taschchit wurde zur wichtigsten Losung der grünen jüdischen Bewegung weltweit. Bal Taschchit leitet sich aus Deuteronomium ab:

„Wenn du eine Stadt längere Zeit hindurch belagerst, um sie anzugreifen und zu erobern, dann sollst du ihrem Baumbestand keinen Schaden zufügen, indem du die Axt daran legst. Du darfst von den Bäumen essen, sie aber nicht fällen mit dem Gedanken, die Bäume auf dem Feld seien der Mensch selbst, sodass sie von dir belagert werden müssten. Nur den Bäumen, von denen du weißt, dass sie keine Fruchtbäume sind, darfst du Schaden zufügen. Du darfst sie fällen und daraus Belagerungswerk bauen gegen die Stadt, die gegen dich kämpfen will, bis sie schließlich fällt.“
(Dewarim 20: 19)

Das Verbot des Baumfällens während einer Belagerung wurde jahrzehntelang diskutiert und weiterentwickelt. Hier kannst du nachlesen, wie Bal Taschchit zu dem wichtigsten Spruch der jüdischen Umweltbewegung wurde. Bal Taschchit wurde von Moses Maimonides (Rambam) absolut gesetzt, indem er die Meinung vertrat, dass selbst die kleinste Menge nicht verschwendet werden darf. Das Sefer Hachinuch, ein spanisches Werk aus den 13. Jahrhundert, das alle 613 Gebote und Verbote (so viele müssen die frommen Juden einhalten) in der Tora kommentiert, sagt: (Mizwa 530): "Es geht bei dieser Mizwa darum, uns zu lehren, das Gute und Nützliche zu lieben, und uns von allem Schlechten und Zerstörerischen fern zu halten. Das ist die Haltung der Frommen: Sie lieben den Frieden und erfreuen sich am Wohl der Geschöpfe und bringen sie der Tora nahe, sie verachten nicht einmal ein Senfkorn, es tut ihnen leid um jede Verschwendung und Zerstörung, und wo sie etwas bewahren können, tun sie es mit aller Kraft." (zit. nach Hagalil)

Die Tora ist sehr Tierfreundlich. Tiere haben generell viele Rechte, die sonst nur Menschen haben. Wir können zwar die Tiere „besitzen“, aber wir sollen sie anders – besser – als Sachen behandeln. Tiere können Schmerz fühlen. Deshalb macht die Tora keinen Unterschied zwischen dem Schmerz der Tiere und dem Schmerz der Menschen. Es gibt eine besondere Sensibilität Tieren gegenüber, an die regelmäßig erinnert wird. Denn bei Tieren in unserem Haushalt häng es von uns ab, wie sehr sie leiden oder glücklich sind. (1) Zwar sind die Tierrechte in Tora ziemlich zerstreut, doch fasst man diese zusammen, lässt sich eine große Sensibilität erkennen. Hier findest du eine Liste mit Tora-Zitaten, die die Tiere betreffen. Zu den wichtigsten Stellen gehören:

  • Es ist verboten die Eier oder ein kleines Küken der Vogelmutter weg zu nehmen. Man darf nicht die Mutter und die Kinder der Tiere am gleichen Tag schächten. “Ihr sollt weder ein Rind noch Schaf zugleich mit seinem Jungen am gleichen Tag schächten.“ (Wajikra Kapitel 22, Vers 28)
  • Man soll den Tieren keine übermäßige Arbeit antun: „Du sollst nicht zusehen, wie der Esel deines Bruders oder sein Ochse auf dem Wege fallen; du sollst dich ihnen nicht entziehen, sondern du sollst ihnen aufhelfen.“ (Dwarim Kapitel 22, Vers 4)
  • Man muss den Tieren, ebenso wie den Menschen helfen: “Siehst du den Esel deines Feindes unter seiner Last erliegen, könntest du es unterlassen, ihm zu helfen? Du sollst ihm samt jenem aufhelfen!” (Schemot Kapitel 23 Vers 5)
  • Pikuach Nefesch, wie die Einhaltung des Sabbat, betrifft auch die Tiere: “Sechs Tage sollst du deine Werke verrichten, aber am siebenten Tag sollst du feiern, damit dein Ochs und dein Esel ausruhen und deiner Magd Sohn und der Fremdling sich erholen.” (Schemot Kapitel 23 Vers 12)

Einem der größten jüdischen Denker aller Zeiten - Maimonides (1135-1204) war das Schicksal der Tiere sehr wichtig. Seiner Meinung nach trägt die Empfindlichkeit gegenüber den Tieren zu der ethischen Entwicklung der Menschen bei. Denn wenn wir so aufmerksam mit den kleinen Vögeln umgingen, würden wir die Menschen noch rücksichtsvoller behandeln. Es bedeutet folgendes: Unsere Sensibilität muss alle lebenden Wesen betreffen, es ist sehr unethisch wenn wir nur an die menschliche Leiden denken und mit den Tieren nicht mitfühlen.

(1) Jeremy Bernstein The Way Into Judaism and Envirnoment, Woodstock 2006, S. 103

Zedaka steht normalerweise für Rechtschaffenheit. Es kommt von Zaddik, was Gerechtigkeit bedeutet. Im jüdischen Alltag bedeutet Zedaka Wohltätigkeit. Wohltätigkeit ist eines der interessantesten Elemente der jüdischen Sozialgeschichte, und es ist auch unser Zukunftskapital in umweltpolitischen Fragen. Ein guter Mensch ist auch ein wohltätiger Mensch. Das sind nicht nur bloße Worte, es ist eine Mizwa – eine Pflicht. Wenn man einen Bedürftigen sieht und gar nichts macht, verletzt man eine der wichtigsten jüdischen Werte – das Mitgefühl. Es gibt sogar Vorschriften, wie viel Zedaka man genau geben soll: Es soll der zehnte Teil dessen sein, was man verdient. Definitiv soll man sich selber nicht arm machen, Zedaka soll eine Hilfe sein, aber keine übermäßige, es ist eine Mizwa, mindestens 10% an diejenigen, die Hilfe brauchen. Die Hilfe soll aber keine 20% überschreiten, denn das wäre zu viel. Man kann sich durch Wohltätigkeit im Judentum nicht ärmer machen. Trotzdem gilt, dass selbst derjenige, der Zedaka bekommt, Zedaka geben soll. Selbst wenn es sich nur um einen kleinen Beitrag handelt. Es soll auch nicht nur Juden betreffen, sondern alle bedürftigen Menschen. Zedaka bedeutet nicht nur Hilfe für die Armen, sondern auch Förderung, so gehören auch Investitionen in Stipendien, Bildung, Krankenhäuser etc. dazu. Also wird soziale Hilfe auch als Wohltat - Zedaka gesehen. In vielen Ländern ist es schwierig, Zugang zu Bildung und medizinischer Versorgung zu erhalten. Diese Länder sind meistens auch besonders von Problemen wie Billiglöhnen und Umweltverschmutzung betroffen. Wir in Europa haben saubere Luft und sehen nicht, was in Ländern der Dritten Welt passiert. Damit lassen wir außer Acht, dass andere Menschen dort unsere Hilfe und Unterstützung brauchen.

“Recht, Recht verfolge” (Paraschat Shoftim, Dewarim 16:20)

Um soziale Unterschiede auszugleichen, gibt uns die Tora interessante Antworten: Schmitta (das Sabbatjahr) und das Jubeljahr. Allerdings gibt es in der Bibel ein ganzes ökonomisches Nachhaltigkeitsprogramm. Das schreibt jedenfalls Rabbi Troster von der „Green Jewish Alliance“:

„Tzedek bedeutet Rechtschaffenheit, Gerechtigkeit und Gleichheit. Dieser Wert versucht die Ungleichheiten zu korrigieren, welche die Menschen in der Gesellschaft und in der natürlichen Umwelt schaffen. In der modernen Welt strebt die Globalisierung danach, die Bewegungsfreiheit von Menschen, Information, Geld, Güter und Dienstleistungen zu verwirklichen, dadurch zerstört sie allerdings auch lokale Kulturen und die Umwelt. Während die Globalisierung für Millionen Menschen immensen Reichtum geschaffen hat, haben hunderte Millionen nichts von diesen Profiten gehabt und in einigen Fällen hatte dies einen negativen Einfluss auf die Umwelt und die Menschenrechte. Das jüdische Konzept des Zedek verlangt von uns, dass wir eine Weltwirtschaft schaffen, die nachhaltig und gerecht in der Verteilung von Wohlstand und Ressourcen ist.“

Das Judentum hat einen ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit. Wir müssen alle nach Gerechtigkeit streben, ein Wert, der im Judentum für ein ethisch motiviertes Handeln von zentraler Bedeutung ist. Was Gerechtigkeit in der Gesellschaft bedeutet, ist ein sehr schwieriges Problem, viele Philosophen haben sich schon darüber den Kopf zerbrochen. Im Judentum erscheint Gerechtigkeit als Wohltätigkeit, die einen Ausgleich der Unterschiede zwischen den Menschen bringen kann. Wir kennen auch das Prinzip Tikkun Olam (Reparatur der Welt), das uns auf dem Weg zu einer besseren sozialen Lage helfen kann. Schließlich wurden Sodom und Gomorra vernichtet, weil dort die Regeln komplett verdreht wurden. Sodom repräsentiert nach rabbinischer Tradition einen Fall von Egoismus: Es wurde dort den Armen aus Prinzip nicht geholfen und im Allgemeinen galt es „Was ist meins, ist meins und was ist deins ist deins“ (Pirke Awot). http://www.torah.org/learning/pirkei-avos/chapter5-13.html

Das Besondere an der Tora ist, dass ihre Gesetzte sowohl die Armen als auch die Reichen schützen. Sowohl die Minderheit als auch die Mehrheit die gleichen Rechte haben. Die Tora sagt: „Du sollst nicht der Mehrheit folgen zum Bösen und sollst vor Gericht deine Aussagen nicht nach der Mehrheit richten, um zu verdrehen. 3 Du sollst den Armen nicht beschönigen in seinem Prozess“ (2.B.M. 23,2-3)

Mit dem Begriff Nachhaltigkeit wird das Thema der sozialen Gerechtigkeit mit Umweltproblemen verbunden. In einer gerechten Gesellschaft sollen Menschen weder die anderen Menschen instrumentalisieren noch die Natur wie einen Gegenstand betrachten, der nach Belieben gezähmt und benutzt werden kann. Wir sind alle verbunden – wir sind ein Teil der Natur und des Ökosystems, ob wir es wollen oder nicht und wir sind mit den anderen Menschen verbunden. Wenn dieser Kreislauf versagt, werden wir nicht mehr existieren können. Die soziale Gerechtigkeit der Zedek soll soziale und ökologische Aspekte vereinen, erst dann ist Gerechtigkeit in einem umfassenden Sinne verwirklicht. Wir dürfen nicht vergessen, dass wir alle im gleichen Boot sitzen, dieselbe Luft atmen und das gleiche Wasser trinken. Bezelem Elochim – alle Menschen wurden als Abbild G-ttes geschaffen, es gibt keine Gleichen und Gleicheren, alle verdienen den gleichen Respekt.

Mehr findest du in:

  • Schemot 22:24-26,
  • Wajikra 25:36-37,
  • Dwarim 23:20-1, 24:6,10-13,1

Schmitta ist eine Institution, die so alt ist wie die Tora. Schmitta, im Deutschen auch Schabbatjahr genannt, bedeutet, dass im siebten Jahr die Felder ruhen, also kein Ackerbau stattfindet. Am Jubeljahr der einmal in 50 Jahren, sofort nach dem Schmitta-Jahr einfällt, sollten die Schulden erlassen werden. Es gibt einen tiefen Grund, der uns dazu motivieren sollte, uns so zu verhalten: Die Erde gehört uns nicht. Wir sind hier nur für eine begrenzte Zeit und wir sollen diesen Platz nicht zerstören. Auch der Erde sollte manchmal Urlaub gewährt werden. Unsere Bedürfnisse sind nicht ein Zweck an sich, wir sollen unser Leben mit dem natürlichen Lebenszyklus in Einklang bringen.

Hier findest du die Quellen der Idee der Schmitta, die an mehreren Stellen in der Schrift wiederholt werden. Im Land Israel soll das Gebot unbedingt befolgt werden:

  • „Sechs Jahre sollst du dein Land besäen und seinen Ertrag einsammeln; aber im siebten sollst du es brach liegen und sich ausruhen lassen, dass sich die Armen deines Volkes davon nähren, und was sie übriglassen, mögen die Tiere des Feldes fressen; desgleichen sollst du mit deinem Weinberg und Olivengarten tun.“ Schemot 23:11,
  • „Wenn ihr in das Land kommt, das ich euch geben werde, so soll das Land dem HERRN einen Schabbat feiern. Sechs Jahre lang sollst du dein Feld besäen und sechs Jahre lang deine Reben beschneiden und ihre Früchte einsammeln. Aber im siebten Jahr soll das Land seinen Ruheschabbat haben, den Schabbat des Herren, da du dein Feld nicht besäen, noch deine Reben beschneiden sollst. Auch was nach deiner Ernte von sich selber wächst, sollst du nicht ernten; und die Trauben deines unbeschnittenen Weinstocks sollst du nicht ablesen, weil es ein Schabbatjahr des Landes ist.“ Wajikra 25:2-5.

Hinzu kommt die Tradition des Jubeljahrs. Wenn sieben Mal regulär Schmitta begangen worden war, sollten beim folgenden Mal die Schulden erlassen werden:

  • Und du sollst dir sieben solche Schabbatjahre abzählen, (…) Und ihr sollt das fünfzigste Jahr heiligen und sollt ein Freijahr ausrufen im Lande allen, die darin wohnen, denn es ist das Jubeljahr. Da soll ein jeder bei euch wieder zu seiner Habe und zu seinem Geschlecht kommen. Denn das fünfzigste ist das Jubeljahr. Ihr sollt nicht säen, auch nicht ernten, was von sich selber wächst, auch den unverschnittenen Weinstock nicht ablesen. Denn das Jubeljahr soll unter euch heilig sein; vom Feld weg dürft ihr essen, was es trägt. (Wajikra 25 1, 11-12) In diesem Jubeljahr soll jedermann wieder zu seinem Besitztum kommen. (Wajikra 25:13)

Das Jubeljahr ist eine revolutionäre Idee: Stell dir vor, dass alle auf einmal von den Schulden befreit sind und neu anfangen können. Eine solche Chance kriegen wir leider heute nicht mehr.

Selbstverständlich war auch damals die Theorie ein wenig von der der Praxis im Alltag entfernt: schon Hillel beobachtete, in welche Schwierigkeiten die Bedürftigen meistens gerieten, wenn sie im fünften oder im sechsten Jahr ein Paar Schkalim brauchten. Meistens wollte keiner zu dieser Zeit Geld leihen, denn die Schulden mussten im siebten Jahr getilgt werden. Um die Welt zu verbessern (Tikkun Olam) hat Hillel eine neue Regel eingeführt, die als Prosbul bekannt ist: Am Ende des sechsten Jahres ging man vor Beit Din (Gericht), welches erklärte, dass derjenige, der vor Gericht steht immer noch das Geld schuldet. (Mischna Gittin 4,4)

Das Wort „koscher“ steht für die Vorschriften, die das Essen der Juden regeln sollen. Koscher bedeutet nicht gesund, es hat auch keinen geheimen Einfluss auf den Körper. Es sind Vorschriften, die jedem von uns auf der spirituellen Ebene dabei helfen können, ein jüdisches Leben zu führen. Koscher bedeutet, dass wir immer darüber nachdenken, was wir essen dürfen. Mit anderen Wörtern, wir nehmen Rücksicht auf die Tiere, auf Pflanzen, usw. und denken darüber nach, welche Tiere unter Schutz stehen und welche wir schächten dürfen um Koscher zu essen. Allerdings bedeutet der Kaschrut nicht für jeden ein Leben nach ethischen Prinzipien. Manchen ethisch geprägten Juden reicht es deshalb nicht, sich koscher zu ernähren, sie haben die Idee ausgeweitet: So ist die Verbindung „öko-koscher“ entstanden. Das Prinzip ist einfach: Das öko-koschere Essen wird nicht nur halachischen Grundsätzen gerecht. Es wird auch berücksichtigt, wie das Essen entstanden ist, ob das Essen gesund für uns ist, ob die Tiere gut behandelt wurden und ob die Leute, die dieses Essen hergestellt haben, faire Arbeitsbedingungen hatten. Hier kannst du mehr darüber erfahren.

Pikuach Nefesch oder „Venischmartem meod lenaschotechem“ (Dwarim 4,15) Ursachen warum jeder auf sich selbst achten sollte.

Pikuach Nefesch, wörtlich übersetzt „Rettung aus Lebensgefahr“, bildet einen der wichtigen Grundsätze des umweltbewussten Judentums. Es geht darum, dass die eigenen Lebensgrundlagen geschützt werden müssen.

Im dritten Buch Mose, in Wajikra (18,5), betont G'tt, warum es so wichtig ist, nach den Gesetzen zu leben: „Und zwar sollt ihr meine Satzungen und meine Rechte beobachten, weil der Mensch, der sie tut, dadurch leben wird.“ Das bedeutet, dass das jüdische Leben erst im Einklang mit der Halacha seine Erfüllung finden kann. Eines der wichtigsten halachischen Prinzipien ist es, das menschliche Leben zu schützen. Wir sind ein Abbild G'ttes, deshalb haben wir die Verpflichtung, unserem Körper wissentlich keinen Schaden zuzufügen. Auch nicht durch Umweltverschmutzung und schlechte Arbeitsumstände, die zu Gesundheitsschäden führen können. Wenn wir die Umwelt verschmutzen, das Wasser vergiften, die Landschaften zerstören, dann vergiften wir auch uns selbst. Es gibt biblische Quellen, die sagen, man solle die giftigen Abfälle weit entfernt von menschlichen Siedlungen entsorgen, da das Gemeinwohl wichtiger ist als die kurzfristigen Interessen der Einzelnen (z.B. Dwarim 23:13-15 und Midrasch Baba Batra 2:9). Darauf bezieht sich auch Rabbi Laurence Troster in seinem Artikel über Ökologie und Judentum.

„Jews Go Green“ denkt, dass Umweltschutz auch Schutz der Menschen bedeuten muss, wenn das Leben und insbesondere das menschliche Leben einen Vorrang in der Thora hat. Chemikalien, die von uns jeden Tag eingeatmet werden oder gegessen werden, sind nicht mit Pikuach Nefesch zu vereinbaren. Daher sollen wir nicht nur ein Minimum vom Leben verlangen, sondern eine gewisse Lebensqualität anstreben. Was bedeutet ein erfülltes Leben? In depressiven Häuserblocks ohne Bäume zu leben, Junkfood zu essen und Müll zu produzieren? Oder in einer angenehmen Nachbarschaft zu wohnen und gesunde Lebensmittel zu verspeisen, die keinen Müll verursachen? Wir haben es selbst in der Hand.

Bescheidenheit und Demut gelten im Judentum als sehr wichtige Tugenden. Sie werden manchmal unter dem hebräischen Wort Tzniut zusammengefasst. Hier wollen wir uns diesen Begriff etwas näher anschauen.

Das Gebot bescheiden zu leben, ist ein wichtiger moralischer Wegweiser. Für diejenigen, die mehr über ein umweltbewusstes Judentum erfahren wollen, legen wir Bescheidenheit universeller aus. Bescheiden leben heißt, den Platz der Menschheit nicht selbstgerecht zu beanspruchen, sondern zuzugeben, dass alle Lebewesen eine Daseinsberechtigung haben, da die gesamte Schöpfung „sehr gut“ ist. Man soll Rücksicht auf die Anderen, im weitesten Sinne des Wortes, nehmen. Es ist die Erde, die uns ernährt. Sie ist zugleich unser einziger Platz, wir müssen ihn mit anderen Lebewesen teilen und können ihn nicht nur aufbrauchen.

Wenn biblische Gestalten gerühmt werden, wird oft ihre Zurückhaltung gewürdigt. Moses war sehr bescheiden, weswegen er wahrscheinlich für seine Rolle ausgewählt wurde: „ Mose war ein sehr sanftmütiger Mann, sanftmütiger als alle Menschen auf Erden“ (Bemidbar 12:3). In Buch der Propheten Micha (6:8) steht: „Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert: was anders als Recht tun, Liebe üben und demütig wandeln mit deinem Gott?“

Die Gemeinde und die Gemeinschaft sind im Judentum von zentraler Bedeutung. Ohne Gemeinschaft ist das Judentum nicht denkbar, keiner kann für sich alleine Jude sein. Eine Gemeinde zu haben, bedeutet auf die Unterstützung von Freunden zählen zu können. Gleichzeitig ist das Gemeindeleben auch eine Herausforderung: es geht darum, mit vielen verschiedenen Menschen zurechtzukommen und sich nicht zu isolieren. Der Grundsatz lautet: man soll sich mit den Anderen vertragen und mit ihnen zusammenleben, selbst wenn es manchmal schwierig ist. Ein herrliches Beispiel einer modernen jüdischen Gemeinschaft sind die Kibbuzim, die nach folgendem Prinzip funktionieren: was mir gehört, gehört auch dir. Eine Gemeinschaft, die auf gegenseitiger Hilfe und gemeinsamem Eigentum beruht. Diese Prinzipien können als ein Standpunkt in Auseinandersetzung mit den Entwicklungsproblemen von heute gesehen werden. Die Kibbuzim konnten an die gemeinschaftlichen Prinzipien anschließen, die in den jüdischen Gemeinden der Diaspora entwickelt wurden. Über neue Konsumformen, die nur innerhalb einer Gemeinde möglich sind, kannst du bald hier nachlesen.