Zaw

ZAW

Parascha Zaw
Wajikra 6:1-8:36

Fleisch: Darf man es noch essen?

Parascha auf einem Bein

Diese Parascha ist eine Beschreibung eines regelgerechten Grills. Niemand soll sie lesen, wenn man vorher kaum gegessen hat. Wenn man Vegetarier ist, ist sie auch nicht einfach. Haupt-Themen dieser Parascha sind die Hohepriester, Kohanim, Fleisch, Öl und die Feier. 

Moses, Aaron und seine Söhne bekommen zahlreiche Anleitungen, die ihre Rechte und Pflichten als Priester (Kohanim) regeln. Sie sollen Tier- und Speiseopfer in dem Heiligtum darbringen: Die Opfergabe war ein wichtiger Teil des Alltags in der Wüste und später ein zentrales Element des Tempel-Rituals in Jerusalem. Das Wüsten-Heiligtum (das Stiftzelt) aus der Tora war ein „Vorgänger“ des Tempels. Wie im Tempel, brannte auch im Stiftzelt immer ein Feuer, das nie ausgehen durfte. Dieses Feuer befand sich auf dem Altar, auf dem die Tier-Opfer von Friedens-, Schuld- sowie Sündenopfern und schließlich die Mehl-Opfer verbrannt wurden. Das „Verbrennen“ bedeutete wahrscheinlich so viel wie „backen“ oder „rösten“, denn das ganze Fleisch sollte anschließend von den Priestern und dem Opfernden gegessen werden. Die Regeln der Darbringung bestimmten genau Ort, Zeit und Zeitspanne der Opferung. Es stand immer fest, wer die Opfer essen sollte, um das Ritual zu vervollständigen. 

Nach der Bekanntmachung dieser Gesetze sollten Aaron und seine Söhne exakt eine Woche im Heiligtum verbleiben. Sie wurden dann als Priester geweiht. 

Öko-Motiv: Zeit, auf die milchige Küche zu setzen?

Das Thema dieses Tora-Abschnittes sind zahlreiche Opfergaben im Lager der Israeliten. Die Parascha Zaw spricht über die Zeiten, in denen der Fleischkonsum ein heiliges Ritual war. Wir wissen aus der Tora (Parascha Wajikra, Wajikra: 17), dass nur Fleisch der geopferten Tiere gegessen wurde. Die Opfergabe war ein Ritual, das den Menschen G-tt nähern sollte. Jede Opfergabe hatte eine bestimmte Funktion. Man durfte die Tiere nur an einem speziellen Ort schlachten und dann das Fleisch essen. Laut dieser Interpretation ist alles, was woanders geschlachtet wurde, unrein und somit ungenießbar. Damals hat man die Nutztiere selbst aufgezogen, deswegen hatte jeder einen Bezug zu den Tieren. 

Unsere heutige Gesellschaft ist anders organisiert: Weder die Zuchttiere noch die Lebensmittelproduktion sind ein Teil unseres Alltags, dafür essen wir sehr viel davon. Wir haben mehr billiges Fleisch zur Verfügung und meistens keine Sorge um das Essen. Die Zahl der früher dargebrachten Opfer war hingegen nicht sehr groß, selbst wenn es in der Beschreibung so aussieht. Laut unterschiedlichen NGOs werden weltweit 56 Milliarden (ja!) Tiere jährlich getötet. Dabei wird viel Fleisch verschwendet, und es wird zu viel davon gegessen. Laut der letzten Studien der World Health Organisation verursacht ein übermäßiger Fleisch-Konsum Krankheiten wie Krebs oder Kreislaufprobleme.

Die Mengen, die in den entwickelten Ländern heute pro Kopf gegessen werden, können gar nicht mit der Zahl der Tiere verglichen werden, die damals geschlachtet wurden. Die Opfertiere wurden sorgfältig ausgewählt, da nur die gesunden und makellosen Tiere geopfert wurden. Dazu verbietet uns die Halacha, die Tiere unnötig zu quälen (Tzar Baalei Chaim). Das heißt im Judentum ist es völlig in Ordnung, das Fleisch zu essen, wir haben jedoch viel zu berücksichtigen: man muss die Tiere wählen, nicht jede Tierart darf gegessen werden. Milch und Fleisch dürfen nicht zusammen gekocht werden, weil sich hier etwas von der Mutter und etwas von dem Kind vermischt. Sie dürfen auch nicht an demselben Tag getötet werden. Die Beziehungen innerhalb der Tierwelt verdienten viel Aufmerksamkeit.

Laut Michael Pollan (Michael Pollan 2015 S. 68) sind diese Regeln damit verbunden, dass sich unsere Vorfahren mit dem Schlachten der Tiere nicht sehr wohl fühlten. Man brauchte wahrscheinlich eine Entschuldigung und einen Grund, um die Tiere zu töten. Daher war sehr oft auch der Priester der Schächter. Alles war jedoch damit verbunden, dass wir mehr darauf achteten, was wir aßen. Wir hatten einen Bezug dazu. Die Menschen haben gesehen, wie die Tiere wachsen und wie sie geschlachtet werden. Damit war dieses System im Gleichgewicht. Im Blick auf unsere Tradition verdient der Fleischkonsum daher mehr Aufmerksamkeit. 

Wir haben dazu ein weiteres Gebot: auf unsere körperliche Gesundheit zu achten. Deswegen sollten wir überlegen, ob es gut ist, dass wir alle Hormone und Antibiotika, mit denen Tiere heutzutage gefüttert werden, ebenfalls mitessen. Außerdem leidet durch exzessive Fleischproduktion auch unsere Umwelt. Für ein Kilogramm Rind braucht man ca. 49 Quadratmeter Fläche an Land. Diese Zahl ergibt sich aus einer Kombination der Weidefläche und der Fläche, die notwendig ist, um das Vieh-Futter herzustellen. Tiere zu züchten, verlangt viele Ressourcen: von Weideflächen über Wasser bis zu Tierfutter. Wusstest Du, dass die Mehrheit der Ernten weltweit für die Vieh-Ernährung bestimmt ist? 

Das billige Fleisch aus dem Discounter ist natürlich weder ein Problem der jüdischen Gemeinde-Küchen noch sich koscher ernährender Juden. Die letzteren gehören in Deutschland eher zu denen, die nicht viel Fleisch essen. Koscheres Fleisch ist teuer und aus diesem Grund wird es sehr bewusst zubereitet und landet fast nie in der Mülltonne. Außerdem ist unseren Kenntnissen nach die Wahl in diesem Bereich sehr eingeschränkt. Die frommen Juden stehen vor der Wahl, entweder zu essen, was sie überhaupt kaufen können, oder überhaupt kein Fleisch zu essen. Vegetarier zu sein, ist eine individuelle Wahl, die wir nicht obligatorisch verlangen können, aber zu der wir immer ermutigen: Es gibt viele, die davor noch Angst haben und denken, ohne Fleisch gehe es überhaupt nicht weiter. Wir bekommen manchmal Anfragen, ob es schon koscheres Bio-Fleisch in Deutschland zu kaufen gibt, aber leider ist es noch nicht im Angebot. Viele, die nicht streng koscher leben, können sich zwischen der „billigen“ Variante mit viel Fleisch versus geringerem Konsum aber mit Qualität entscheiden. Es stimmt, es ist hart, sich als Jude rein vegetarisch zu ernähren, denn sehr viele leckere, traditionelle Rezepte, die wichtig für die Identität sind, enthalten Fleisch. Gehackte Leber oder Schmalz muss man mindestens einmal im Leben gekostet haben. Ein seltener, bewusster Fleischkonsum scheint uns nicht das größte Problem zu sein. Die Frage ist, welches Fleisch wollen wir essen und vor allem, wie oft. 

Die Zeiten der Tora-Übergabe sind für uns weit entfernt. In einer näheren Vergangenheit haben unsere Vorfahren selber Tiere gezüchtet und geschlachtet. Auch die Juden in der Tora haben nicht im koscheren Supermarkt eingekauft. Sie wussten aus der Tora, dass die Tiere mit Mitgefühl betrachtet werden sollen. Man kannte die Anweisungen aus der Tora „Du sollst nicht ackern zugleich mit einem Ochsen und Esel“ (Dwarim 22: 10), dass die Tiere auch einen Schabbat haben (dieses Gebot heißt schewitat behemto und kommt aus Schemot 20:9). Die Tiere waren ein Teil des Lebens. Es gab kein Problem mit Antibiotika, Hormonen, Massenzucht und Konservierungsstoffen (bei artgerechter Tierhaltung, bei der die Tiere auch nicht gequält werden, gibt es das auch heute nicht!). Fleisch aß man ab und zu an den Feiertagen. Die ethischen Probleme, die wir heute mit dem Fleisch-Konsum haben, hat man einfach nicht gekannt. Man muss sich bewusst werden, dass das, was am wenigsten kostet, die größte Belastung für die eigene Gesundheit und für die Umwelt ist. Es lohnt sich deswegen, ein bio-koscheres Fach in der Küche aufzubauen. Vielleicht ist es einfacher, öfter auf Fleisch zu verzichten und nur die milchige Küche zu benutzen. 

Wusstest Du, dass:

  1. jährlich 290 Millionen Kühe geschlachtet werden? 

  2. es eine Milliarde Kühen auf der Welt gibt?

  3. ein Kilogramm Ridfleisch ca. 15 000 Liter Wasser und (laut WWF) 49 Quadratmeter Erdoberfläche braucht?

Aktion:

  1. Wir befehlen Dir nicht, komplett auf Fleisch zu verzichten. Wir möchten Dir nur die vegetarische und vegane Küche näher bringen. Damit wollen wir nur sagen, das Essen kann viel reicher und interessanter sein, wenn Du Dich aus dem „Kartoffel-und-Fleisch-Zirkel“ befreist. 

  2. Koche diese Woche an einem Tag bewusst nur vegetarische Gerichte. Verzichte auf Fisch und Fleisch. Mache Dir einen milchig- koscheren Tag. 

  3. Mache Dir vegetarischen Schmalz (link)! 

  4. Finde heraus, wie Deine Lebensmittel hergestellt werden. 

  5. Finde heraus, ob die anderen wissen, wie die Lebensmittel hergestellt werden.

  6. Achte darauf, wie Deine Ledersachen produziert wurden. Du kannst die Firmen aussuchen, die darauf achten, dass das Leder aus ethischen Quellen kommt. 

Quellen 

Michael Pollan „Kochen. Eine Naturgeschichte der Transformation.“ 2015.

Dieser Artikel wurde von Dr. Richard H. Schwartzs Kommentar zur Parascha Zaw: “When Eating Meat was a Sacrifice“ inspiriert. Mit freundlicher Genehmigung und Kenntnis von Canfei Nesharim.