Acherei Mot - Kedoschim

Achare

Parascha auf einem Bein

Achare Mot - Kedoschim (Wajikra 16:1-20:27) 

In der Parascha Schemini (Wajikra 9:1 – 11:47) geschah eine Tragödie. Nadaw und Awinu haben aus Versehen das falsche Feuer ins Mischkan (Heiligtum) gebracht und sind gestorben. Aaron, ihr Vater, muss jetzt ein Sühneopfer darbringen. Es sollen Lose über den Köpfen von zwei Ziegen gezogen werden. Eine wird direkt im Lager geopfert und die andere soll die Sünden der Hebräer in die Wüste tragen. Dieses Ritual soll am zehnten des siebten Monats stattfinden. Das ganze Volk darf nicht arbeiten, man wird sich an diesem Tag „entsühnen“. Es ist der Schabbat Schabbaton, Jom Kippur.

Daraufhin kommt von G-tt eine Warnung: Niemand darf sich ohne Erlaubnis dem Stiftzelt nähern. Nur der Hohepriester darf am Jom Kippur den innersten Teil des Mischkans betreten. Weitere Warnungen: Die Opfer dürfen außerhalb des Heiligtums weder dargebracht noch konsumiert werden. Blut darf gar nicht mitgegessen werden. Danach spricht die Tora über Inzestgesetze: die verbotenen Beziehungen werden aufgezählt.

Die Parascha Kedoschim ist zwar kurz, aber reich an wichtigen Regeln. In unserem Fazit nennen wir die interessantesten. G-tt befiehlt Moses, er solle den Israeliten sagen, sie seien heilig. Der Ewige beschreibt, was konkret zu beachten ist, um die Heiligkeit zu behalten. Man soll:

  • Seine Mutter und seinen Vater ehren (“fürchten”).
  • Die „Schabbatot“ halten (damit ist wahrscheinlich auch die Schmitta, das Schabbat-Jahr, gemeint).
  • Man darf keinen Götzendienst begehen.
  • Das Friedensschlachtopfer muss in den ersten zwei Tagen nach Darbringung gegessen werden. Der Rest muss später, am dritten Tag, verbrannt werden.
  • Die Ecken des Feldes soll man nicht ernten, auch die Weinberge dürfen nicht bis auf die letzte Traube geerntet werden: Man soll immer etwas für die Armen und Fremden lassen.
  • Man darf weder stehlen noch betrügen.
  • Man muss die Arbeiter immer sofort bezahlen.
  • Man darf dem Tauben nicht fluchen und vor dem Blinden keinen „Anstoß legen“ (Wajikra 19:14).

Weiter lesen wir, dass man die anderen Menschen nicht hassen darf. Man soll sich nicht rächen, im Gegenteil, man muss die anderen Menschen lieben („Liebe deinen nächsten, wie dich selbst“ Wajikra 19:18). Man darf die Arten nicht vermischen, weder Tierarten, noch Pflanzen oder Saatgut. Eine Mischung aus Leinen und Wolle darf nicht getragen werden. Die ersten drei Jahre darf man kein Obst von einem jungen Baum ernten. Im vierten Jahr gehört es G-tt und erst im fünften Jahr ist es koscher und darf gegessen werden.

Die Tattoos werden verboten. Man darf sich das Haar an „Ecken des Bartes“ und „Vorderecken“ (Wajikra 19:27) nicht rasieren – wegen dieses Gebots trägt man übrigens die Schläfenlocken.

Man darf kein Blut essen. Magie darf nicht betrieben werden. Man muss einen Fremden mit Liebe behandeln und dabei die Erinnerung an das Schicksal der Hebräer in Ägypten immer im Kopf behalten (Wajikra 19:34). Die Älteren sollen geehrt werden. Wer seine Mutter und seinen Vater beleidigt, soll getötet werden. Dazu werden einige sexuelle Vergehen sowie ihre rechtlichen Folgen definiert. Vor allem werden die Fälle für die Todesstrafe genannt sowie jene Vergehen, die Karet (כרת), den Ausschluss aus dem Volk, nach sich ziehen.

Die vorigen Bewohner des Gelobten Landes haben solche Sünden begangen, deswegen wurden sie ausgelöscht und vertrieben. Die Hebräer sind für G-tt heilig.

Öko-Connection

Eines der zahlreichen Opfer, die in den Tempel gebracht wurden, war Ketoret, ein Weihrauch. Er wurde schon im Buch Schemot beschrieben (30:34), hier wird dieser Weihrauch vom Hohepriester, Aaron, am Jom Kippur dargebracht, als er ins Heiligtum ging. Ketoret steht im Gegensatz zum Opfer der Söhne von Aaron, das nicht richtig war und wonach sie tot aufgefunden wurden. Aus diesem Kontrast, so Baruch Herschkopff, leiten wir unsere Unterscheidung zwischen der falschen und richtigen Nutzung der Umwelt. Die Haftarot (Jecheskiel 22:1-19, falls die Parascha alleine, wie am 07.05.16 gelesen wird und Amos 9:7-15, falls die Parascha Acherei Mot mit der Parascha Kedoschim zu lesen ist) zu dieser Parascha helfen, dies zu vertiefen.

Die Tora deutet darauf hin, dass die Menschen durch den Tempeldienst im Stande sind, die physische Welt auf eine höhere, spirituelle Ebene zu bringen. Dies steht im Kontrast zu einem egoistischen Nutzen der Gegenstände zwecks eigener Befriedigung. Diese beiden Lebenseinstellungen sind von wesentlicher Bedeutung dafür, wie wir mit der Umwelt umgehen.

Ketoret ist eine Mischung verschiedener Pflanzen aus der ganzen Welt. Sie werden zusammen in einer ganz bestimmten Kombination vermischt. Wie dies in der Parascha Ki Tissa beschrieben wurde: „Und der Ewige sprach zu Moses: Nimm dir Spezereien, Nataf; und Seenagel und Galbanum, Spezereien und reinen Weihrauch, ein jedes soll gesondert sein.“ (Schemot 30:34)

Im Talmud gibt es eine Diskussion, wie viele Gewürzen es waren.Die Weisen sind auf elf gekommen: „Rabbi Johanan sagte: Elf Spezereien wurden Moses am Sinai genannt. Rabbi Hona führte aus: Hierauf deutet folgender Schrift-Vers: Und die Gewürze, zwei; Stakte, Teufelsklaue und Galban, das sind fünf; Gewürze, wiederum fünf, das sind zehn; und reinen Weihrauch, eines, das sind elf.“ (Babylonischer Talmud Traktat Koteret 6b)

Diese Pflanzen kamen bestimmt nicht aus Israel, sondern waren importiert, gekauft, mitgebracht. Dies bedeutete, dass die Herstellung des Weihrauches sehr wertvoll war. Man musste viel reisen und handeln, um Koteret zusammen zu stellen. Dieser Weihrauch, Koteret Hasamim, konnte man täglich darbringen, und am heiligsten Tag, am Schabbat Schabbaton, war die Darbringung ein ein Pflicht.

  1. Die Quellen identifizieren folgende Zutaten von Koteret: Balsam (Nataf, die „Spezereien“) kommt aus Israel, aus Ein Gedi,
  2.  Weihrauch kommt aus Indien
  3.  Seenagel, kommt aus dem Iran,
  4. Onycha waren wahrscheinlich die Meeresschnecken,
  5. Galbanharz kommt aus Syrien,
  6.  Myrte wächst im Jemen, in Somalia und in Äthiopien,
  7. Kassien kommt aus China und Vietnam,
  8. Baldrian stammt aus dem Himalaya und China oder Lavendel aus Israel,
  9. Safran aus Südwest-Asien,
  10. Zimt kommt aus Indien und Sri Lanka.
  11. Kostwurz Nelken kommen vom Mittelmeer.

Der ganze Toraabschnitt wird im Zusammenhang mit dem Tod von Awinu und Nadab geschrieben. Ihre Geschichte endete traurig. Sie wurden feierlich als Priester geweiht, aber da sie einen falschen Weihrauch (sie brachten „fremdes Feuer“ Wajikra 10:2) im Heiligtum geräuchert haben, wurden sie danach tot gefunden. Im Buch Wajikra wendet sich G-tt an Moses und erteilt ihm die Lehre über Jom Kippur. Die Tora ist bei der Beschreibung  des Priestergottesdienstes sehr genau, jede falsche Bewegung kann das Leben kosten „Rede zu Aaron, deinem Bruder, dass er nicht eingehe zu aller Zeit in das Heiligtum innerhalb des Vorhangs vor die Sühnplatte, welche auf der Lade, dass er nicht sterbe.“ (Wajikra 16:2)

Warum ist ein Opfer gut und das andere nicht, fragt sich Baruch Herschkopff. Die beiden Opfer haben sich wahrscheinlich gar nicht voneinander unterschieden. Ketoret, mit seinen zahlreichen Zutaten repräsentiert die natürlichen Ressourcen der ganzen Welt. Herschkopff sieht die Ursache in der falschen Nutzung der Fülle der natürlichen Güter. Um die Ressourcen und die Erde zu heiligen, soll der Hohepriester der egoistischen Nutzung der Ressourcen widerstreben. Die Ressourcennutzung soll nachhaltig sein, sie darf die natürlichen Schätze nutzen, aber nicht ausbeuten. Aarons Söhne waren hingegen egoistisch, sie haben nur ihre Interessen und ihren Ruhm vor Augen. Sie haben nicht genügend auf G-tt gehört. Alles, was nur für uns ist, kann daher nur widersprüchlich zu dem Dienst für Gott sein. Ein egoistisches Leben kann aus dieser Perspektive kein heiliges Leben werden. Man soll immer vor Augen haben, ob man die Welt gerade eine Stufe nach oben oder eine nach unten bringt.

Die Haftara zur Parascha Achare Mot-Kedoschim (gelesen wird sie in dieser Konstellation erst nächstes Jahr) kommt aus den Schriften des Propheten Amos (Amos 9:7 - 9:15), der sehr sozial- und konsumkritisch orientiert war. Er kann uns heute viel über die falsche Nutzung der globalen Ressourcen sagen. Von ihm stammen die Worte „Ihr trinkt den Wein aus großen Humpen, ihr salbt euch mit dem feinsten Öl und sorgt euch nicht über den Untergang Josefs“ (Amos 6:8), oder „So spricht der Ewige: Um drei Vergehungen Jisraels und um viere nehme ich‘s nicht zurück, darum dass sie um Silber den Gerechten verkauft und den Dürftigen um ein Paar Sohlen.“ (Amos 2:6). Wir sollen nicht nur uns im Zentrum unseres Lebens sehen, sondern das Wohl aller Menschen in unseren Gemeinschaften. Er hat auch das Sich-Selbst-Feiern kritisch gesehen „Ihr jubelt über (die Eroberung von) Lo-Dabar und sagt: Haben wir nicht aus eigener Kraft Karnajim erobert?“ (Amos 6:13)

Die Kehrseite dieser Situation ist eine sparsame, ethische Nutzung der physischen Welt, die nicht nur auf Eigeninteresse gerichtet ist. Eine Welt, in der die Menschen nicht nur „für sich“ Güter sammeln. Ein weiteres Problem ist das Begreifen der materiellen Güter als Selbstzweck, Dies ist vielleicht die Ursache der Unreinheit und des Götzendienstes (Jecheskel 22:3), die wiederum Prophet Jecheskel in der Haftara zu Achare Mot erwähnt (Jecheskel 22:1-19).

All dies: Egoismus, Geld als Macht, Materialismus, Konsumorientierung, scheint auch heute ein Problem zu sein. Wir sind dazu erzogen, die Ressourcen für uns zu nutzen und sind selten ernsthaft am Teilen interessiert, oder daran, was mit den Dinge auf der Etappe ihres „Existenz“ passiert, wenn sie uns nicht gehören. Für uns ist Besitzen und nicht Teilen ein Heiligtum. Damit gehen wir eher in die Richtung, die mal von Awinu und Nadaw eingeschlagen wurde. Wir haben immer eine Wahl, wir können die Dinge auch anders machen. Wir können die Sachen gemeinschaftlich nutzen, wir können sie verleihen, oder anderen statt materiellen Gütern Zeit und Erlebnisse schenken. Eine Änderung der Einstellung könnte unsere Gesellschaft revolutionieren.

Ratgeber von Baruch Herschkopff:

  1. Sei achtsam beim Einkaufen. Kauf nur die Sachen, die du brauchst. Versuche dies eher als spontan zu shoppen. Triff eine Wahl pro Einkaufsrunde und sieh welchen Unterschied dies für Dich macht.
  2. Nimm Dir vor, zwei oder drei Produkte aus deiner Einkaufsliste genau zu untersuchen. Wie wurden sie hergestellt, welche Ressourcen wurden dazu verwendet, wurden sie faire bezahlt und produziert? Werden die Menschen, die dabei gearbeitet haben gut behandelt?
  3. Du kannst ein paar Freunde bitten, dass sie das gleiche machen. Ihr könntet danach eure Ergebnisse vergleichen.
  4. Genieß die Schönheit und Wichtigkeit dessen, was aus der natürlichen Welt kommt. Repariere die Sachen, statt sie wegzuschmeißen. Wenn du etwas wegschmeißen musst, versuche den Dienst der Sache anzuerkennen. Führe möglichst viel dem Upcycling-Kreislauf zu bevor du etwas recycelst.

Quellen

Dieser Artikel wurde von Baruch Herschkopfs Kommentar zur Parascha Achatei Mot: „Raising Up The Physical“ inspiriert. Mit freundlicher Genehmigung und Kenntnis von Canfei Nesharim.

Wikipedia Incense Offering
Sefaria: Ketoret Hasamim- The Incense Offering von Ori Bergman