Küche

Die Küche ist einer der wichtigsten Orte in fast jedem jüdischen Haushalt. Der jüdische Lebensstil „dreht sich“ in vielerlei Hinsicht um das Essen, denn in einem koscheren Haushalt gilt es einiges einzuhalten: Milch und Fleisch trennt man streng voneinander, zusätzlich sollte man bereits beim Einkauf aufmerksam sein und jene Produkte meiden, die nicht koschere Zusätze enthalten. Man sollte sich die Lebensmittel besorgen, die einen Koscherstempel haben oder von Rabbiner überprüft wurden.

Die Verbindung von koscher und “bio” nennt man Öko-koscher. Koscher an sich enthält noch keine ethischen Standards, da es vor allem religiös zu verstehen ist. Kaschrutregeln sind als  Übungen für den Geist zu begreifen, da der Ehrgeiz des Judentums darin besteht nichts automatisch und sinnlos zu handeln. Das Essen hat dabei einen besonderen Stellenwert. Die jüdische Esskultur ist über 3000 Jahre alt und beinhaltet diverse Erfahrungen sowie Weisheiten. Wichtig ist, dass diese vor der Zeit der Industrialisierung  der Lebensmittelproduktion und der Massentierhaltung entstanden. Koscher kann also als eine Art jüdisches Slow Food betrachtet werden. Zudem stiften die Speisegesetze  bis heute einen großen Teil der jüdischen Identität. Um die koschere Ernährung mit einem gesunden und umweltbewussten Lebensstil zu verbinden, wurde  in den USA inzwischen ein öko-koscheres Konzept entwickelt. Dieses verbindet die ethischen und religiösen Ansprüche:

Fast alle jüdischen Feiertage bestehen aus Mahlzeiten - wir speisen an Pessach und dinieren an Rosch Haschana. Wie beginnt Yom Kippur? Richtig, mit Essen! Und wie endet der wichtigste Fastentag der Juden? Mit einem Abendessen! Vielleicht finden sich ja deshalb so viele Juden unter den bekanntesten amerikanische „Foodaisten“ (so bezeichnet man die Kritiker der sorglosen Ernährung, die in unserer Zeit beinahe zur Plage avanciert). Michael Pollan, ein amerikanischer Jude, gehört zu den wichtigsten Stimmen, die sich in den USA für gesunde Ernährung einsetzen. Jonathan Safran Foer (Autor des Bestsellers „Alles ist erleuchtet“) veröffentlichte vor kurzem sein Buch „Eating Animals“, in dem er sich mit den Bedingungen der Fleischproduktion auseinandersetzt.

Öko-Koscher entstand aus einer Zusammenführung der Kaschrutregeln mit den ethischen Standards des Judentums sowie ökologischen Werten. In der Praxis bedeutet dies, dass Produkte vermieden werden sollen, deren Herkunft sowohl gegen die Kaschrut-, als auch gegen ökologische Prinzipien verstoßen. Demzufolge kann mit Pestiziden belastetes Obst und Gemüse „koscher“, nicht aber zugleich auch „öko-koscher“ sein, da diese Giftstoffe sowohl unsere Gesundheit als auch die Natur schädigen. “Koscher“ -  כָּשֵׁר heißt „angemessen“, „fehlerfrei“, im Allgemeinen kann der Begriff als „gute Praxis“ interpretiert werden. Rabbi Waskow, einer der bekanntesten Öko-Rabbiner aus den USA, hinterfragt durch eine umweltbewusste Interpretation des Kaschruts unsere Alltagspraxis und versucht, diese  umweltgerecht zu gestalten. Sein Argument lautet dabei, dass wenn koscher „richtig“ heißt,  nicht umweltgerecht hergestelltes Essen per definitionem nicht koscher sein könne.

Koscher Einkaufen und Essen erfordert von uns ein hohes Maß an Bewusstsein. Immer wieder stellen uns die jüdischen Speisegesetze vor die Frage, was auf unsere Teller kommt und was nicht. Eine wichtige Rolle spielt dabei auch die Herstellung der Nahrungsmittel. Angesichts einer Vielzahl von Zusatzstoffen, Emulgatoren und Farbstoffen - alles Erfindungen der industriellen Nahrungsproduktion - stellen sich da ganz neue Fragen, die für die Generation unserer Urgroßeltern noch unvorstellbar waren: Sind fleischige Zusatzstoffe in der Tiefkühlsahnetorte versteckt? Sind Fertiggerichte koscher hergestellt worden? Stammen die Nudeln von einer Produktionsstraße, auf der auch milchige und/oder fleischige Produkte gefertigt werden? Kurz: Ging mit dem, was auf unseren Tellern landet, alles koscher zu?

Kaschrut zeigt uns: Es ist nicht gleichgültig, unter welchen Bedingungen das von uns Gekaufte produziert wurde und was für Zusatzstoffe reingemischt wurden. Der koschere Konsument fragt immer: Woher stammt das Produkt? Wer hat es geprüft? Wie koscher ist unser Essen? Der öko-koschere Konsument fragt zusätzlich nach den Bedingungen, unter denen die Nahrungsprodukte hergestellt wurden und nach ihrem Einfluss auf die Umwelt, die eigene Gesundheit, und die Gesundheit derer, die diese Lebensmittel herstellen. Manche mögen betonen, dass die Kaschrutregeln nicht mit Blick auf die Gesundheit entwickelt wurden und vor allem spirituellen Ursprungs seien. Nichtsdestotrotz ist es gut, unser Essen auf den Prüfstand zu stellen, um die eigene Gesundheit zu schützen. Denn wir sind was wir essen und eine Investition in gutes und gesundes Essen ist ein wichtiger Schlüssel, um sich gut und fit zu fühlen. Es besteht kein Zweifel daran, dass der öko-koschere Lebensstil uns dabei behilflich sein kann.

“Bio”, “Öko”, “Fair Trade”: Labels, die in Bioläden, Supermärkten und Küchenregalen eine geradezu inflationäre Verbreitung finden. Sich bewusst und „Bio“ zu ernähren scheint angesagt wie nie zuvor. Insbesondere für junge Menschen aus Großstädten, bedeutet “Bio” auch eine Art des Lifestyles. Sie machen Yoga, meditieren, reisen nach Indien, essen vegetarisch oder gar vegan und kaufen selbstverständlich im Bioladen um die Ecke ein. Eine Mode? Sicher! Aber eine gute Mode, denn dahinter steckt die Sorge um die eigene Gesundheit, um die Umwelt und auch das Bedürfnis nach einer harmonischen und ganzheitlichen Lebenshaltung. Ganz ähnliche Motivationen, wie sie auch mit der koscheren Ernährung verbunden sind.

Egal ob wir es wollen oder nicht, wir müssen Nahrung zu uns nehmen um zu überleben. Dabei sind wir bezüglich des “Wie” aber handlungsbestimmend: Wir können die gesunden Produkte, die zugleich koscher sind, kaufen und uns dadurch für etwas Positives einsetzen. Hier geschieht gleichzeitig etwas Überraschendes: Wenn du dich aus rein „persönlichen“ Motiven um deine eigene Gesundheit kümmerst, so hilfst du dabei auch der Umwelt!

Mehr über Öko Koscher erfährst du auf den Seiten von Hazon und auf dem Blog Jew and the Carrot.